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Das Gegenüber als Schatten Gottes

Avatar of Gast Gast - 25. Juni 2018 - Pädagogik, Christsein

In Platons Höhlengleichnis sind Menschen in einer Höhle gefangen und können ausschliesslich auf eine Wand blicken, an der sich die Schatten der hinter ihnen liegenden Welt abzeichnen. Diese Schatten an der Wand sind die einzige wahrnehmbare Realität für sie. Auf die Vorstellung, dass es mehr gibt als diese Schatten, können sie sich schwer einlassen. Platon spekuliert mit diesem Gleichnis, dass es eine «Ideenwelt» gibt, die Quelle der unmittelbar erfahrbaren Welt ist, und über sie hinausgeht. Die Lebensaufgabe des Menschen ist es, seine beschränkte Sicht auf die blossen Schatten zu erweitern und dann andere aufzuklären.

Eine ähnliche Vorstellung findet sich auch im christlich-jüdischen Weltbild. 3 Beispiele:

  • Die Idee der Gott-Ebenbildlichkeit in Genesis legt dem Menschen nahe, sich selbst als Abbild einer höherdimensionierten Realität zu sehen. Menschen sind einander Schatten Gottes.
  • Paulus schreibt in 1. Korinther 13.12 «Denn wir sehen jetzt mittels eines Spiegels, undeutlich, dann aber von Angesicht zu Angesicht…». Dass unsere Erkenntnis Stu?ckwerk ist, liegt nicht an unserer Wahrnehmung, sondern daran, dass die Wirklichkeit uns nur im Spiegel, im Abbild zugänglich ist.
  • Jesus meint ähnliches: «Euch ist das Geheimnis des Reiches Gottes gegeben, jenen aber, die draußen sind, wird alles in Gleichnissen zuteil, damit sie sehend sehen und nicht wahrnehmen und hörend hören und nicht verstehen» (Markus 4.11). Das Geheimnis des Reiches Gottes ist den Jüngern gegeben, da sie in Jesus nun nicht mehr bloss einen Schatten Gottes vor sich haben, sondern Gott selbst. Den Menschen aller anderen Orte und Zeiten erschliesst sich das Geheimnis Gottes in Gleichnissen. Jesus ermutigt uns, unseren Alltag auf Gleichnisse hin zu durchsuchen: Der Hirte im Umgang mit seinen Schafen, der Banker im Umgang mit einem Schuldner, der Pädagoge im Umgang mit seinen Schülern.

Christliche Pädagogik meint in erster Linie das Bewusstsein des Pädagogen für eine den zwischenmenschlichen Beziehungen zugrunde liegende geistliche Realität. Und die erste Absicht einer christlichen Pädagogik ist nicht ein positiver Output ins Klassenzimmer, sondern ein positiver Output für die eigene Spiritualität. Der Glaube ist nicht für den Alltag da, sondern der Alltag für den Glauben.

Danilo A., Musiklehrer und Regionalleiter Mittelland des VBG-Bereichs Schule

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